Warum Pride in Deutschland Christopher Street Day heißt
Der Name führt ins New York des Jahres 1969. Doch der CSD entwickelte sich in Deutschland schnell zu einer eigenen Tradition – mit eigener Geschichte, Politik und lokalen Formen.
STREET
Eine Adresse wird zum Namen
In Deutschland kann man „Pride“ sagen, und man wird verstanden. Auf Plakaten, städtischen Webseiten und Veranstaltungsankündigungen steht jedoch viel häufiger eine andere Abkürzung: CSD. Wer neu im Land ist, könnte sie zunächst für den Namen einer Organisation halten. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Adresse.
Die Christopher Street liegt im New Yorker Greenwich Village. Dort befindet sich das Stonewall Inn – eine Bar, die zu einem der bekanntesten Orte in der Geschichte der modernen LGBTQ+-Bewegung wurde.
Was in Stonewall geschah
In der Nacht zum 28. Juni 1969 führte die Polizei im Stonewall Inn erneut eine Razzia durch. Solche Kontrollen waren damals nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal gingen die Gäste und die Menschen vor der Bar nicht auseinander. Es kam zu Widerstand, der sich in den folgenden Nächten fortsetzte und zu einem wichtigen Moment der Mobilisierung der US-amerikanischen Schwulen- und Lesbenbewegung wurde.
Stonewall
Polizeirazzia im Stonewall Inn und anschließende Proteste auf der Christopher Street und in den umliegenden Straßen.
Gedenkmarsch
In New York findet zum ersten Jahrestag von Stonewall ein Marsch statt – einer der Ausgangspunkte der heutigen Pride-Tradition.
CSD in Deutschland
In Berlin und Bremen finden die ersten Veranstaltungen statt, die die deutsche Bewegung mit der Erinnerung an die Christopher Street verbinden.
Warum nicht einfach Pride?
Ein Jahr nach Stonewall fand in New York ein Marsch zum Gedenken an die Ereignisse statt. In den USA setzten sich mit der Zeit die Bezeichnungen Gay Pride und Pride durch. Deutschland nahm sprachlich einen etwas anderen Weg: Hier wurde die Erinnerung unmittelbar mit dem Ort verbunden – der Christopher Street.
Der Begriff hat keine besondere rechtliche oder amtliche Bedeutung. Er ist eine historisch gewachsene deutsche Bezeichnung für Demonstrationen und Veranstaltungen, die zur Pride-Tradition gehören.
Durchgesetzt hat sich ein Begriff, der mit Stolz und Sichtbarkeit verbunden ist.
Im Namen blieb die Adresse erhalten: Christopher Street.
Als Christopher Street nach Deutschland kam
Die deutsche Homosexuellenbewegung existierte lange vor dem CSD. In den 1970er-Jahren gab es bereits öffentliche Aktionen und Demonstrationen, und §175 blieb eines der zentralen politischen Themen.
Die ersten CSD-Veranstaltungen in Deutschland fanden 1979 in Berlin und Bremen statt. In West-Berlin zogen am 30. Juni rund 450 Lesben und Schwule vom Savignyplatz über den Kurfürstendamm.
Im selben Jahr 1979 fand in Frankfurt Homolulu statt – ein mehrtägiges großes Treffen der Homosexuellenbewegung. Die Geschichte queerer Öffentlichkeit in Deutschland entwickelte sich also gleichzeitig in mehreren Städten und war weit mehr als eine bloße Kopie des amerikanischen Pride.
CSD heute
Heute kann ein CSD in Deutschland eine Demonstration mit Zehntausenden Menschen sein, ein kleiner regionaler Marsch, eine politische Bühne, eine ganze Veranstaltungswoche oder eine Mischung aus all dem.
Am einfachsten lässt sich CSD als deutsche Bezeichnung für die Pride-Tradition verstehen – mit einem direkten Verweis auf die Christopher Street und Stonewall.
Wer im Sommer in Deutschland die Abkürzung CSD sieht, kann sie in zwei Richtungen lesen: als heutige Pride-Veranstaltung und zugleich als kleine historische Wegmarke, die auf eine Straße in New York verweist.