Zurück
in die Homophobie
Wenn ihr unsere Gruppe beim CSD gesehen habt, Menschen mit Spuren von Gewalt auf weißer Kleidung, umgeben von einer Absperrung, wie unter Bewachung, habt ihr euch vielleicht gefragt: Was soll das bedeuten?
Dieses Bild ist keine Übertreibung
Wir sind Goluboy Wagon e.V., eine Gruppe aus der russischsprachigen queeren Community. Dieses Bild ist keine Übertreibung. Wir zeigen, was mit Menschen passiert, die von Gesellschaft und Staat ausgegrenzt und unter Kontrolle gehalten werden, nur weil sie sind, wer sie sind.
Das meinen wir mit „zurück“
Wir haben lange für unsere Rechte gekämpft. Manches haben wir erreicht, vieles noch nicht. Und genau jetzt, wo es vorwärts gehen sollte, werden wir zurückgedrängt. Was bereits erkämpft war, kann verloren gehen und müsste dann mit derselben Kraft neu erkämpft werden. Das meinen wir, wenn wir sagen: zurück in die Homophobie.
Zuerst hört die Akzeptanz auf
In letzter Zeit merken wir: Unter unseren Instagram-Posts sammelt sich mehr Hass als früher. Das ist kein Zufall, sondern Teil eines größeren Musters, das sich auch in offiziellen Zahlen zeigt.
Auch in Deutschland ist der Trend eindeutig
Laut Bundeskriminalamt hat sich die registrierte Hasskriminalität gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Diversität seit 2020 vervielfacht: von 578 bzw. 204 Fällen im Jahr 2020 auf 1.765 bzw. 1.152 Fälle im Jahr 2024.
Auch auf politischer Ebene gibt es Signale. Bereits zum zweiten Mal in Folge weht zum CSD keine Regenbogenflagge über dem Bundestag, die Bundestagspräsidentin begründet das mit Neutralität. Der amtierende Bundeskanzler verteidigte diese Entscheidung öffentlich und verglich das Hissen der Regenbogenflagge mit Fahnenschmuck an einem Zirkuszelt, eine Aussage, die bei LSBTIQ+-Verbänden auf scharfe Kritik stieß.
In Hessen hat die neue Landesregierung als eine ihrer ersten Amtshandlungen das Gendersternchen und andere inklusive Schreibweisen in der Verwaltung, an Schulen und Hochschulen verboten, ein symbolisches Zeichen, das deutlich machte: Der queeren Community wird hier nicht entgegengekommen.
Einzelne nicht-demokratische Kräfte im Bundestag lehnen die vollständige Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen ab und stimmten gegen das Selbstbestimmungsgesetz. Wir sagen das nicht, um Angst zu machen, sondern weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie leise solche Entwicklungen beginnen.
Ein globaler Rückschritt, kein lokales Phänomen
2023 erklärte der Oberste Gerichtshof die „internationale LGBT-Bewegung“ zur extremistischen Organisation. Das 2013 eingeführte „Propaganda“-Gesetz gilt inzwischen unabhängig vom Alter.
Seit Oktober 2024 verbietet ein Gesetz „über Familienwerte“ die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare und queere Sichtbarkeit in Medien und Bildung.
Erst im Dezember 2025 unterzeichnet, seit Januar 2026 in Kraft, ein Gesetz gegen sogenannte „LGBT-Propaganda“. Das ist kein Geschichtsbuch, das ist dieses Jahr.
Trotz Krieg finden Pride-Veranstaltungen weiterhin statt, unter massivem Sicherheitsaufwand. Sichtbarkeit ist dort zum Akt des Widerstands geworden. Auch das berührt uns direkt, viele von uns haben Familie und Freund:innen dort.
Aber es gibt auch die andere Seite
Ungarn zeigt: Rückschritt ist nicht endgültig. Das Land führte 2021 ein Gesetz gegen LGBT-Inhalte für Minderjährige ein, später auch gegen Pride-Umzüge. Trotzdem marschierten im Juni 2025 über 100.000 Menschen in Budapest. Im April 2026 verlor der bisherige Regierungschef nach 16 Jahren die Wahl, und der Europäische Gerichtshof erklärte das ungarische Gesetz für rechtswidrig.
Rechte können verloren gehen, aber sie kommen zurück, wenn Menschen sichtbar bleiben.
Deshalb sind wir heute hier
Kommt vorbei, sprecht mit uns, bleibt mit uns in Kontakt. Je sichtbarer wir gemeinsam sind, desto schwerer wird es, uns zu übersehen.